Erfahrungsbericht Melanie: Depressionen als Rollstuhlfahrer

Rollstuhlfahrer sind auch nur Menschen

Guten Tag, mein Name ist Melanie. Ich sitze im Rollstuhl. Viele denken sich jetzt: „Rollifahrer strahlen immer so eine Lebensfreude aus!“ Doch Rollifahrer sind auch nur Menschen. Entweder, sie kommen mit ihrer Behinderung klar, oder halt nicht. Ich gehöre zu letzteren.

Depressionen Rollstuhlfahrer Erfahrungen

Typsiche Probleme des Alltags

Sorry für die harten Worte, aber ich finde es sch…, dass ich bei jeder Veranstaltung, die ich besuche, erstmal wie ein kleiner Depp fragen muss: „Gibt es Behindertentoiletten?“ Oder: „Wie viele Stufen sind da?“ Spontaneität: Fehlanzeige. Oder bei Wohnungen: „Gibt es einen Aufzug?“ „Wie breit sind die Türen?“ Auch habe ich jetzt, nach meinem ersten Umzug, gemerkt, dass ich besser in eine Gegend ziehe, wo ich mich vorher erkundigt habe, ob es einen verfügbaren Pflegedienst gibt.

Intelligenz

Obendrein gibt es noch immer Leute, die meinen, über einen hinweg reden zu müssen, gemäß dem Motto: „Körperbehindert = dumm“. Es kam und kommt nicht selten vor, dass jemand zum Beispiel bei der Bank meine Begleitung fragt: „Was will sie denn?“ Rollifahrer sind aber alles andere als dumm. Als Gegenbeispiel sei hier nur mal Stephen Hawking genannt.

Behörden

Auch Behörden machen oft Stress, da man vieles beantragen muss, weil das Leben mit Rolli einfach teurer ist. Ein Beispiel ist die Wohnungsanpassung, denn fast keine Wohnung ist perfekt ausgebaut. Eine Fenstergriffanpassung in die passende Höhe kostet schon einiges. Man kann mit driftigen Gründen vielleicht 4000 € als Unterstützung bekommen, doch nur allein die vorher erwähnte Anpassung kostet meines Wissens schon knapp ein Fünftel davon, und es müssen ja eventuell auch andere Anpassungen durchgeführt werden.

Ärzte

Und man darf sich häufig mit Ärzten rumstreiten. Vor allem wegen Kleinigkeiten, alltäglichen Dingen, die man im Rollstuhl eventuell nicht so leicht machen kann, weil man bis zur Hüfte gelähmt ist. Diesbezüglich nehme ich nicht weiter Stellung, rufe nur denjenigen, die ihn noch kennen, Heinz Rühmann ins Gedächtnis und seine Geschichte, wie er zum Dichten kam.

Meine Depression

All dies geht mir gehörig auf die Nerven. Ich könnte Freunde haben, wenn diese Hindernisse nicht wären. Ich könnte Hobbies haben wie Achterbahnfahren, Skaten etc., wenn diese Hindernisse nicht wären.

All das sagt mir zumindest meine Depression. Freunde versuchen, mir was anderes zu sagen, doch ich kann ihre Worte nicht verinnerlichen. „Sei doch froh, es gibt andere, die sind ab dem Hals abwärts gelähmt und würden sich freuen, wenn sie noch so viel könnten wie du.“ Oder: „Du wählst, ob du glücklich sein magst oder nicht“ helfen mir einfach nicht weiter. Auch nicht, dass Fußgänger auch kleinere Einschränkungen haben wie, dass sie nach einer Hüft-OP nicht mehr alles machen können. Ich konnte das nie…

Hilfeangebot mit gravierenden Hinternissen

Ein Tipp kommt auch immer wieder: Geh zum Psychologen. Ich habe schon zwei Therapien hinter mir, und es gibt halt Phasen, wo mich alles nur noch zerfrisst und ich nicht mehr leben will. Und dann?

Ich darf das nicht denken. Denn dann komme ich nur wieder in Psychiatrien, die nicht rollstuhlgerecht sind, obwohl es immer behauptet wird. Waschbecken sind einen Kopf zu hoch für mich, an der Toilette sind keinerlei Haltegriffe, um sich ohne Kraft in den Beinen rüberzusetzen, und selbst einen Tee kann ich mir teilweise nicht machen, ohne jemanden bitten zu müssen, mir was runterzureichen. Und bizarr ist es auch, dass ein Rollifahrer, auch wenn er gerade suizidal denkt, dazu angehalten wird, den Pflegedienst selbst zu organisieren, weil man sich in der Psychiatrie ja „mit so etwas“ nicht auskennt. So werde ich nicht gesund, so kann ich nur Zeit totschlagen. Und wenn die Kunsttherapie noch so gut ist.

Melanie

 

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