Ingo: und plötzlich stand ich auf der Staumauer…

Hallo und guten Tag,

meine Name ist Ingo, ich bin 47 Jahre alt und bin Betroffener Depressionspatient.
Ich bin gelernter Koch, aber kann diesen Beruf nicht mehr ausführen. Seit 10 Jahren bin ich nun im Einzelhandel beschäftigt.

Erfahrungsbericht Ingo Depressionnen - Suizidgefahr auf Staumauer

Die Diagnose

Die Diagnose „Mittelschwere Depression“ und Selbsbewussteinsstörung bekam ich letztes Jahr im November, durch meinen Hausarzt gestellt. Obendrein kam dann noch eine akute Suizidgefährdung. Ich selber wäre nie auf den Gedanken gekommen mich als depressiv zu bezeichnen, aber da ich einen Versuch des Suizids gestartet hatte, aber nicht vollendete, rutschte mir dies bei einem Gespräch mit meinen Eltern heraus.

Der gleiche Trott

Seit Jahren gab es für mich immer den gleichen Trott , zwischen 3.30 – 5.30 Uhr aufstehen und fertig machen für die Arbeit. Als Frühstück reichten mir 3-4 Tassen Kaffee und ca. 3 Zigaretten. Anfangs habe ich auch noch Brote für die Pause mitgenommen, aber das ließ im Laufe der Zeit nach, da ich einfach kein Hungergefühl hatte. Am Arbeitsplatz gab es für mich nur 110 % oder gar nichts, das kam durch das Ausscheiden eines Kollegen und einen  Abteilungswechsel einer Kollegin. Ergo waren nur noch die Abteilungsleiterin und ich vor Ort. Bislang hatte ich meine Ruhe bei der Arbeit und nur hin und wieder mal einen kleineren Disput mit dieser Kollegin. Doch da das Warenaufkommen das selbe geblieben ist bzw. mehr wurde, wurde auch der Ton rauer. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich lange ruhig bin und sehr viel schlucke bis zu einem gewissen Punkt. Ist dieser dann überschritten, war das HB Männchen ein feuchter Kehricht gegen mich. Aber das war halt jetzt im Nachhinein betrachtet zu wenig Reaktion bzw. fehlte das berühmte „NEIN“ sagen.

Ich versuchte das dann an Hand meines Hobbys zu kompensieren. Das ging auch anfangs. Doch dann trafen mich auch im familiären Kreis so einige Sachen, an denen ich einige Zeit zu knabbern hatte. Unter anderem war das ein Disput zwischen meiner älteren Tochter (Heute 20) und dadurch resultierend Streitigkeiten mit meiner Frau die ziemlich heftig ausfielen.

Arbeit bis zur totalen Erschöpfung

Ich zog mich immer weiter zurück in meine imaginäre Festung und ließ keinen mehr an mich heran. Das einzige, an dem ich noch Freude hatte war mein Hobby als Reservist der Bundeswehr. Doch ich merkte nach einiger Zeit, dass selbst das keinen Spaß mehr machte. Und ich tat das, was ich immer tat, arbeiten bis zur totalen Erschöpfung, nicht nur im Betrieb, sondern auch zu Hause. Und wenn ich dann fertig war, im wahrsten Sinne des Wortes, ging ich schlafen. Ohne oder mit kaum etwas gegessen zu haben. Meine Energie holte ich mir aus Energiedrinks und merkte nicht den inneren Zerfall oder die Alarmzeichen, die mein Körper aussandte oder ich habe Sie ignoriert.

Mir wurde alles egal was die Kinder machten oder was links und rechts neben mir passierte. Es ließ mich kalt wie ein Stein. Die Beziehung zwischen meiner Frau und mir wurde immer eisiger, was mich aber auch nicht sonderlich störte. Hauptsache Ich hatte meine Ruhe und musste nicht wieder irgendetwas erklären o.ä. .

Die Staumauer

Dann kam dieser Sonntag: Ich machte wie jeden Sonn- oder Feiertag meine Marschübung mit vollem Gepäck (25KG). Auf einmal stand ich da auf dieser Staumauer, morgens um 5.30 Uhr. Ich ergriff das Geländer und schwang mich rüber, so dass ich in den Abgrund starrte und mich nur noch fragte „Wie lange fällst Du?“. Es war mir zu  diesem Zeitpunkt wirklich alles egal – ob Beruf , Familie, Freunde. Ich wollte einfach nicht mehr. Ich hing nur noch an den Fingerspitzen und da schoss mir auf einmal wie ein Blitz das Bild unseres neu erworbenen Welpen in den Kopf und der Gedanke an den Knirps und dass er mich brauche hielten mich dann zurück und ließen mich nach Hause gehen.

Die Notbremse

Nach einigen Tagen kamen meine Eltern zu Besuch und ich ließ die Aktion so nebenbei fallen. Meine Frau und meine Eltern sprachen miteinander und meine Eltern zogen dann die Notbremse.

Das hieß, dass sie ohne mein Wissen zu meinem Hausarzt gingen und mit ihm über die Problematik geredet haben.  Mein Arzt machte dann eine  Einweisung für eine LVR Klinik fertig. Ich kam wie gewohnt nach Hause und saß am Esstisch als plötzlich meine Eltern da standen und mir offen darlegten, was Sie unternommen hatten. Mir blieb in diesem Moment das Essen im Halse stecken, ich zog mich um und fuhr dann in Begleitung meiner Eltern zu meinem Hausarzt und sprach mit Ihm. Und er erklärte mir, was daran hinge und das ich nicht „bekloppt“ wäre. Nach über einer Stunde hatte er mich soweit das ich der Einweisung zustimmte. Ab diesem Zeitpunkt schlug meine Hilflosigkeit in puren Hass um. Ich machte meine Frau für diese Vorgehensweise voll verantwortlich.

Die Arbeit

Die nächsten Tage kreisten die Gedanken immer nur um dieses Thema und wie sage ich das meinem Chef? Ich entschloss mich, mit meiner Abteilungsleiterin anzufangen und dann in die Chefetage zugehen. Weinend wie ein Schuljunge der etwas ausgefressen hatte stand ich da und offenbarte mich. Dies war so peinlich für mich, ich hätte am liebsten die ganze Aktion abgeblasen. Doch meine Chefs beruhigten mich und waren entsetzt über die Dinge die ich schilderte.

Die Klinik – Ein eisiger Empfang

So kam der Tag in dem ich in die LVR Klinik Düren ging, der Empfang dort war so eisig, dass ich mich fragte „Willst du das überhaupt?“. Doch ich blieb und fügte mich meinem Schicksal. Die ersten Tage sonderte ich mich ab – mit Kreuzworträtseln – und dachte nur: „Wie komm ich aus der Nummer wieder raus?“. Die Stationsärztin stellte mir immer und immer wieder die gleichen Fragen und setzte für mich Citalopram und Mirtazapin als Medikamentation fest. Ich war so voller Hass, dass ich beim wöchentlichen Oberarztgespräch den Satz äußerte „Vor 60 Jahren hätten man einem wie mir den Gnadenschuss gegeben“ was der Oberarzt und die anderen gar nicht so lustig fanden. Und mich ermahnten erst mal zur Ruhe zu kommen.

Am Wochenende durfte ich dann für ein paar Stunden nach Hause, da merkte ich nach nur 5 Tagen schon erste Reaktionen der Medikamente. Meine Frau holte mich ab und fuhr mich dann abends wieder in die Klinik, wo ich dann unter Tränen ausstieg. In der zweiten Woche ging einfach nichts an Therapie, die Stationsärztin war mehr mit Papierkram beschäftigt, als sich um die Patienten zu kümmern. Die Mitpatienten hatten mich dann einfach mit genommen zum Rauchen und zum Kaffee trinken, um sich dann mit mir auszutauschen. Dies half mir ein wenig die Situation der Klinik zu vergessen. Aber da nur das Notwendigste an Psychotherapie ausgeführt wurde, beschloss ich dann mir eine Therapeuten zu suchen und das Ganze im Ambulanten zu absolvieren.

Die ambulante Behandlung

Als ich dem Oberarzt dies eröffnete meinte er wörtlich zu mir „Da haben sie Recht, langweilen können sich auch zu Hause und die Medikamente kann Ihnen Ihr Hausarzt verschreiben“. Ich dachte mich trifft ein Bulldozer als er das von sich gab. Ich habe dann die Klinik verlassen und habe mir in Wohnortnähe einen Therapeut gesucht und gefunden. Der Doktor hat mich erst mal auf das Citralopram gesetzt und die Dosis verändert, so dass ich kaum noch Nebenwirkungen habe ( z.B. Panikattacken , zittern in den Händen…..). Dieser Arzt hat mich jetzt im Laufe der Therapiemaßnahme soweit aufgerichtet und einige Problem abgebaut, dass ich so langsam mit dem Gedanken spiele, wieder meine Arbeit aufzunehmen . Durch die Gespräche und Tipps, was ich machen könnte und tun soll, hilft dieser Therapeut mehr als die Zeit in der LVR DÜREN. Die ich jedenfalls nicht empfehle – weder therapeutisch noch verpflegungstechnisch.

Ingo Faßbender


Wie es weiterging …

Ingo war so lieb, uns etwa nach zwei Jahren nach dem er uns diesen Erfahrungsbericht zur Verfügung gestellt hatte, einen zweiten Erfahrungsbericht zu geben. Und hier geht es zum zweiten Teil.


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