Erfahrung: Alexandra, 29 Jahre – Depression

Ich

Mein Name ist Alexandra. Ich bin 29 Jahre, und habe lange überlegt ob ich meine Geschichte auch mit euch teilen werde. Nach langem Überlegen habe ich mich dafür entschieden.
Warum? Weil es zu meinem Leben dazu gehört. Weil ich dazu stehe und weil es anderen Menschen helfen soll damit umzugehen.

Mein Leben war schon immer eine Achterbahn fahrt… Angefangen  von meiner Kindheit bis hin zum jetzigen Alter. Doch drüber gesprochen habe ich nie. Erst im Alter merkte ich, das viele Dinge nicht „normal“ sind und meine Vergangenheit begann mich einzuholen.

Mein Job

Vor sechs Jahren beschloss ich mich als Friseur Meisterin selbstständig zu machen.
Friseur war schon immer mein Traum… Ich wollte Menschen mit ihren Haaren verzaubern… Sie noch hübscher aussehen lassen, wie sie es schon sind…
Denn ich selber weiß wie gemein und fies Menschen sein können, wenn man nicht dem Ideal entspricht…
In der Schule wird man gehänselt und ausgelacht, weil man nicht die perfekte Nase oder die perfekten geraden Zähne hat…
Heute weiß ich das nicht das Aussehen das Ideal ist… sondern das Herz des Menschen…
Ich arbeitete so viel ich konnte….
Beziehungen scheiterten, und Freundschaften zerbrachen..
Dazu kamen Menschen die nur die Friseurin wollten, und nicht Alexandra…
Da ich viel am arbeiten  war merkte ich nicht wie meine Welt immer mehr um mich herum zerbrach…
Ich merkte nicht, wie ich immer und immer mehr ausgenutzt wurde..
Wie meine eigentlich geliebten Menschen mich ausnutzten…. beklauten und verarschten…
Wenn ich nicht funktionierte wurde mir an allem die Schuld gegeben..
Ich versuchte mehr und mehr für jeden da zu sein… .
Mehr zu geben..
Ich verlieh tausende von Euro, aus Schuldgefühlen für den Suizidversuch einer Person…
Ich ließ mich von Partnern niedermachen und dachte ich hätte es verdient. ..
Ich ließ mir einreden, dass ich ein schlechter Mensch sei…
Ich ließ mir einreden, dass ja ich selber die Schuldige in meiner Kindheit war, da ja ich diejenige war, die eine kurze Hose an hatte…
Ich weiß, dass meine Mutter und Vater mich lieben… . Aber ich konnte diese Sache nie ansprechen. ..
Ich habe mich geschämt.
Wer sollte mir nun nach 20 Jahren das noch glauben? … Also machte ich es mit mir selber aus…

Die Zwangsstörung

Irgendwann viel mir mehr und mehr auf, dass andere Dinge mein Leben kontrollierten…
Ich musste Dinge tun, die mein Kopf und nicht ich wollte… Ich fing an in jeder Situation irgendetwas zu zählen.. Steine, Bilder, Blätter alles…
Ich musste alles symmetrisch hinstellen.. Ich konnte keine ungeraden Zahlen sehen, ich musste alles zweimal anfassen …Und jede Tür zweimal schließen….

Die ersten Suizidgedanken

Irgendwann lebte ich nur noch in meiner Welt..
Auf der Arbeit sah man mir nichts an… Wie auch. Ich verkaufte Schönheit … und somit musste ich immer „perfekt “ sein. Zuhause zerbrach das Bild dann von der tollen und immer gut gelaunten Alexandra…
Ich kam von der Arbeit und ging nur noch duschen… stundenlang, weil ich das Gefühl nicht los wurde sauber zu sein… Ich kochte, aber gegessen hab ich kaum… Ich kaufte immer und immer mehr Lebensmittel… Aber gegessen habe ich sie nicht…
Ich legte mich in mein Bett. Ich hatte irgendwann nicht mal mehr die Kraft mein Bett zu beziehen.. Also legte ich mich so hinein.
Schlafen?
Kaum vorstellbar…

Ich lag Nächte lang wach… überlegte was wohl wäre, wenn ich nicht mehr da wäre…
Fügte mir Verletzungen zu… Heute weiß ich… Das war mein Hilferuf…
Ich verrannte mich immer mehr in den Gedanken nicht mehr leben zu wollen.
Wieso es soweit kam?
Weil ich nicht geredet habe…
Ich schrieb die ersten Abschiedsbriefe…
Mit Tränen…. Ein Teil sagte mir… geh von der Welt … und der andere Teil sagte mir, es ist noch nicht so weit…
So vergingen Monate…
Ich trank Alkohol und nahm das Messer…
Ich wollte, dass man mir hilft. Das man sieht, hey ich kann nicht mehr…

Mein Patenkind

Mit jedem Tag befasste ich mich immer mehr damit, wie es ist zu sterben.
Ich wollte nicht mehr leben…Und auf der anderen Seite hatte ich Angst.. .Mein Glück…
In jeder schweren Stunde nahm ich mir das Bild meines Patenkindes…
Und fragte mich, wie wird sie reagieren, wenn ihre geliebte Tante Alex nicht mehr da ist…
Umso mehr ich mich mit ihr befasste und ihr Bild ansah, wurde mir klar, dass der Tod nur eine Lösung für mich, aber nicht für meine geliebten Menschen ist… Ich wusste …die Kleine würde leiden…
An jenem Tag, als ich beschloss mir das Leben zu nehmen saß ich vor meinem Bett… zig Tabletten neben mir…
Und vor mir stand das Bild meines Patenkindes…. Es vergingen Stunden bis ich mit Tränen aufstand, das Telefon nahm und die Nummer meiner Schwester wählte..

Ich hatte Angst zu sterben

Ich rief sie an und sagte ihr,  ich kann nicht mehr leben….Aber ich habe Angst zu sterben…
Ich will mich umbringen…
Darf ich zu dir kommen,  sonst bin ich morgen nicht mehr da…
Natürlich…


Ich fuhr sofort los… Heute weiß ich nicht mal mehr wie ich es zu ihr geschafft habe… Zu meinen Depressionen kam eine Demenz…. Mein Kopf steuerte mich nur noch… Nicht mehr ich selbst…
Ich hatte einen Schutzengel,  und dieser heißt Jill… Mein Patenkind.
Für sie bin ich geblieben…
Auch wenn sie klein ist und sie es nicht versteht.. Aber ihr habe ich mein Leben zu verdanken.

Die Klinik

Ich bin dann zwei Tage später auch freiwillig in eine Klinik gegangen..
Ich wurde komplett aufgepäppelt….
6 lange Monate war ich krank geschrieben….
Die besten Monate in meinem Leben…
Ich habe viel gelernt…
Und bin in meinen Augen dort neu geboren…

Heute weiß  ich, …

  • dass es nicht darauf ankommt wie man ausschaut…
  • dass nicht jeder dein Freund ist, der es sagt…
  • dass „Nein-sagen“ nicht schlimm ist…
  • dass Arbeiten nicht alles ist und
  • dass ich es nicht jedem recht machen kann…!

Familie

In dieser Zeit ist mir klar geworden, was für ein Zusammenhalt ich in meiner Familie habe…
Und das ich diesen Menschen, vor allem Jill, mein Leben zu verdanken habe…
Und heute kann ich sagen :
Mir geht es gut….
Und meine es tatsächlich so.

Alexandra

 

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