Elektrokrampftherapie: Elektroschockbehandlung bei Depressionen

Elektroschocks bei Depressionen – Bitte was?

Elektrokrampftherapie – Bevor ich an Depressionen erkrankte, kannte ich Elektroschocks für psychiatrische Zwecke nur aus Hollywood oder irgendwelchen schrecklichen Dokumentationen über die Psychiatrie im Nationalsozialismus. Ich dachte, sowas gibt es doch heute und in Deutschland bestimmt nicht mehr. Doch ich wurde eines Besseren belehrt.

In Deutschland werden aktuell jährlich etwa 30.000 Elektrokrampftherapien durchgeführt.

Wer das nicht glaubt, kann es gerne bei Wikipedia nachlesen. Allerdings sind die Zahlen dort aus 2008, bestätigen sich aber in einer neueren Studie auch für 2013

EKT –  Im echten Leben

Das erste Mal kam ich – als Betroffener – mit dieser Therapieform im echten Leben in einer meiner ersten Arztbesuche wegen der Depression in Kontakt. Mein damaliger Psychiater verbreitete den – in seiner Berufsgruppe wohl nicht unüblichen – Optimismus hinsichtlich der Behandlungschancen von Depressionen. Freudig und stolz zählte er mir die Möglichkeiten auf, was wir alles machen könnten, damit es mir bald wieder bessergeht. Neben den verbreiteten Therapieformen in der westlichen Medizin beendete er seine Aufzählung mit Elektrokrampftherapie. Während ich fast alle anderen Therapieformen aufgrund meines miesen Zustandes überhörte, hat sich die Elektrokrampftherapie sofort scharf in mein Gehirn eingebrannt.

Warum? Angst machte sich bei mir breit. Sofort hatte ich die Bilder aus dem Kultfilm „Einer Flog über das Kuckucksnest“ vor Augen, wo Patienten ohne Einwilligung auf einer brutalen und qualvollen Weise Elektroschocks ausgesetzt wurden. Da ich in den folgenden Jahren meiner Therapien zwar gefühlt alle Medikamente in allen erdenklichen Kombinationen ausprobieren durfte, bis irgendwann Besserung eintrat, vergaß ich das Thema wieder und hielt es irgendwann für einen schlechten Scherz.

Elektrokrampftherapie

Das zweite Mal stieß ich nun bei den Recherchen für unsere Website auf die Elektroschocks bei Depressionen. Was ich dabei in heute aktueller Lektüre herausfand, beschreibe ich im Folgenden.

Tatsächlich gehen große Teile der Wissenschaftler auch heute noch davon aus, dass die Elektrokrampftherapie gerade bei schweren Depressionen sinnvoll, hilfreich und zum Teil sogar unverzichtbar ist. Dieses gilt insbesondere

  • bei der Diagnose schwere Depression
  • wenn die Patienten ein höheres Lebensalter erreicht haben und
  • beim Versagen anderer Therapien

Die moderne Elektrokrampftherapie in Deutschland hat – obwohl sie sich bis heute nicht von ihrem schlechten Ruf erholt hat – nichts mit den Bildern aus „Einer flog übers Kuckucksnest“ gemein und ist klar geregelt. Bevor ich auf den Ablauf eingehe ist mir noch wichtig auf die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer zur Elektrokrampftherapie einzugehen. Damit diese Therapiemethode zum Einsatz kommt sind mehrere Voraussetzungen zu erfüllen, die sorgfältig zu prüfen sind:

  • die schwere der Symptome / die Diagnose
  • die Vorgeschichte der Behandlungen
  • Abwägung von Nutzen und Risiken (Die Behandlungen erfolgen unter Kurznarkose)

und was mir sehr, sehr wichtig erscheint:

Nach ärztlicher Feststellung der Sinnhaftigkeit einer solchen Behandlung, ist der Wunsch des Patienten zu berücksichtigen!

Der Ablauf

Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich bei der Elektrokrampftherapie um eine Behandlungsmethode mit elektrischem Strom. Anders als im Hollywoodfilm und in meinen ursprünglichen Vorstellungen, wird diese Behandlung unter Vollnarkose durchgeführt. Bestimmte Regionen im Gehirn werden mit Strom durchflutet. Während die Muskeln durch Medikamente relaxiert sind, wird hierdurch ein künstlicher Krampfanfall (epileptischer Anfall) ausgelöst. Allerdings ist dieses von außen nicht sichtbar und es kommt aufgrund der Narkose nicht zu Muskelzuckungen. Anders als früher, ist heutzutage somit das krampfbedingte Verletzungsrisiko (unter anderem wurden früher Wirbelbrüche dokumentiert) minimiert. Die Stromstärken betragen bis zu 480 Volt bei 0,9 Ampere.  Der Krampfanfall, der somit ausschließlich im Gehirn abläuft, wird via EEG (Elektroenzephalografie) beobachtet und dokumentiert.

Meistens wird die Elektrokrampftherapie im Krankenhaus durchgeführt. Hierbei sind zwischen 6 – 8 Behandlungen üblich. Der Abstand zwischen den Behandlungen beträgt zwei bis drei Tage. In selteneren Fällen gibt es wohl auch in Deutschland ambulante Therapien.

Warum das helfen kann

Wie so oft bei den Depressionen wird angeführt, es hilft, weil es hilft. Was ich damit meine ist, dass häufig noch nicht oder nicht final erforscht ist, warum etwas hilft. Die Gehirnforschung ist eine vergleichsweise junge wissenschaftliche Disziplin. Durch Studien kann aber belegt werden, dass etwas hilft. So auch bei der Elektroschocktherapie.

Es konnte nachgewiesen werden, dass bei mehr als 50 % der Betroffenen, bei denen Medikamente nicht oder nur wenig halfen, eine antidepressive Wirkung durch die Elektrokrämpfe eintraten. Wenn zusätzlich noch Wahnvorstellungen vorlagen, erhöht sich die Wirksamkeit der Maßnahmen sogar auf 90 %.

Ohne jetzt zu tief in die Forschungsdetails eindringen zu wollen, wird für die Erfolge eine verstärkte Ausschüttung von Neurotransmittern und Hormonen im Gehirn verantwortlich gemacht. Auf die Zusammenhänge zwischen Botenstoffen und Depressionen gehen wir gesondert in unserem Artikel zur Sicht der Neurobiologie ein. Jüngere Forschungen beschäftigen sich auch damit, dass durch die Elektroschocks bzw. die Krämpfe Nervenzellen repariert und sogar neugebildet werden könnten.

Risiken und Nebenwirkungen

Natürlich kann man sich gut vorstellen, dass es nicht für jeden ratsam ist, sich in einen künstlichen epileptischen Anfall zu versetzen. Daher möchte ich nicht verschweigen, dass die Elektrokrampftherapie auch unerwünschte Wirkungen hat.

  • Es kann zu Gedächtnisstörungen kommen, die sich auf die Zeiträume vor und nach der Behandlung beziehen. Nachhaltige Gehirnschädigungen wurden allerdings bislang nicht festgestellt.
  • Mit der Narkose gehen bei dieser Therapie, wie auch bei allen anderen Narkosen Risiken einher. Statistisch gesehen sind diese eher gering und bewegen sich auf dem Level von Zahnextraktionen.

Nicht angewendet werden sollte die Therapie unter anderem bei Menschen, die kürzlich einen Herzinfarkt oder Hirninfarkt hatten. Auch bei koronarer Herzerkrankung, schweren Herz- und Lungenerkrankungen sollte auf eine Elektrokrampftherapie verzichtet werden. Natürlich ist die Liste nicht vollständig und die Einzelfallprüfung durch einen Arzt ist – wie bei fast jeder ärztlichen Behandlung – nötig.

Persönliches Fazit

Ich muss zugeben ich bin hier aufgrund meiner Krankheitsgeschichte etwas befangen. Als ich wegen der Diagnose „schwere depressive Episode“ im Krankenhaus war, hatte ich genau einen Wunsch. Ich wollte nicht mehr leben. Jede Sekunde meiner eigenen Existenz war für mich unerträglich. Es war ein sehr weiter und beschwerlicher Weg mit unzähligen verschiedenen Medikamenten, diesen Zustand zu verlassen. Wer ähnliches durchgemacht hat, mag mich vielleicht verstehen.

Sollte ich wieder in eine solche Phase abrutschen, wäre mir so ziemlich jedes Mittel recht, was diesen Zustand verbessert. Sollten andere Methoden beim nächsten Mal versagen, wäre ich – trotz meinen Ängsten – bereit, der Sache eine Chance zu geben.

Da ich persönlich noch keine Elektrokrampftherapie erhalten habe, interessiert mich besonders …

Wie seht ihr es?

  • Hast Du Erfahrung mit dem Thema Elektrokrampftherapie? Persönlich oder in Deinem Umfeld?
  • Würdest Du diese Behandlungsform in Betracht ziehen?
  • Bist Du ein Experte auf diesem Gebiet und ich habe etwas Wichtiges in diesem Artikel vergessen?

Diskutiert mit uns hier und auf Facebook. Oder schreib uns Deinen eignen Erfahrungsbericht – nähere Infos findest Du auf unserer Seite Erfahrungsberichte Depression.

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